Müssen wir sie vermissen?
Verband der kommunalen
Wahlbeamten in Hessen e.V.
kuratiert von
Karl-Christian Schelzke
Wo sind sie geblieben – die Stammtische?
Während unserer Urlaube auf der Nordseehalbinsel Eiderstedt haben wir gerne in einem „Kirchspielkrug“ Mehlbeutel mit Kirschsoße und Rauchfleisch gegessen. Was uns immer wieder beeindruckte, waren die an den Wänden angebrachten Fotografien, Zeitungsartikel, Urkunden und aufgestellten Pokale der dort verkehrenden Vereinsmitglieder, wie zum Beispiel vom örtlichen Boßelverein. Hier trifft man sich am Stammtisch, un-abhängig vom jeweiligen Verein. So unser Eindruck. Bei unserem letzten Besuch waren die Wände renoviert und ohne Ver-einsdekorationen neugestaltet.
Angesichts der auch in Hessen in den letzten Jahren immer mehr geschlossenen Nachbarschaftskneipen und Dorfgaststätten befiel uns nicht nur ein Anflug von Wehmut, sondern wir machten uns Gedanken über die Zukunft der Dorfkneipen. Von etwa 31.000 im Jahr 2015 sind im Jahre 2023 nur noch 21.000 übrig und der Abwärtstrend setzt sich fort.
Stammtische waren für mich ein Synonym für engstirnige Kleinbürgerlichkeit und sollten daher eher der Vergangenheit angehören. Heute sehe ich das etwas anders, auch weil sie nun, aufgrund des Kneipensterbens, in der Tat etwas Vergangenes zu sein scheinen. Stammtischgespräche – auch wenn sie von Vorurteilen und Intoleranz und Männerdominanz geprägt waren – waren doch ein Ort des Miteinanders. Der Alkohol mag aufbrausende Diskussionen gefördert haben. Es war trotz allem ein Miteinander, ein gemeinsames Erleben. Man mag mir verklärende Nostalgie vorwerfen. Aber angesichts der vorherrschenden Digitalisierung der Kommunikationsformen – selbst bei Restaurantbesuch erlebt man immer wieder, dass sich die am Tisch sitzenden Personen anscheinend per Smartphon unterhalten – ist eine wehmütige Erinnerung mehr als gerechtfertigt.
Um nicht falsch verstanden zu werden. Mir geht es nicht um die Wiederauferstehung bräsiger Stammtische, sondern um Ant-worten auf die Frage, wo heute Plätze für „analoge“ Gespräche bewahrt werden können, wie sie die noch verbleibenden Kneipen darstellen. Allein mit Förderprogrammen wird das – wenn überhaupt – in keinem großen Umfang gelingen. Es mag wohl Zufall sein, dass die FAZ unter dem Titel „Aber wir ha’m uns doch schön unterhalten“ eine Titelseite dem Sterben von Dorfkneipen widmet.
Die Autorin Friederike Haupt beschreibt einen Abend in der brandenburgischen Dorfgaststätte „Zum Dorfkrug“ in Neuhausen/Spree-Bagenz. Dort kommt der CDU-Landtagsabgeordnete Julian Brüning mit einem Reichsbürger am Biertisch ins Gespräch über deren Themen wie eine neue deutsche Monarchie und die BRD-GmbH mit 25 Bundesstaaten. Obwohl die Meinungen kaum gegensätzlicher sein könnten, verläuft alles im ruhigen sachlichen Ton – siehe Überschrift. Haupt fragt sich: „Könnte so etwas auf der Plattform X stattfinden oder bei einem Auftritt eines Politikers auf einem Marktplatz? Wohl kaum. Da gibt es Publikum, das alle dazu antreibt, den Streit zu ge-winnen.“ Wir sollten Modellprojekte befragen, wo die Kneipenkultur auf dem Vereins- oder Genossenschaftswege ehrenamtlich bewahrt wird. Dass dies funktionieren kann, belegen zwei Beispiele: In Bärstadt, Ortsteil von Schlangenbad, wird die ehemalige Gaststätte „Zur Linde“ nunmehr unter dem bezeichnenden Namen „VolksWirtschaft“ genossenschaftlich weitergeführt. Das "Christian's", eine Kneipe im Städtchen Herdorf im Westerwald, stand kurz dem Aus. Aber eine Gruppe von Menschen aus dem Ort hat ihre Kneipe gerettet – und hält sie als Genossenschaft am Laufen.
Vielleicht ist es ja die Bürgermeisterin oder der Bürgermeister, die solche Ideen erfolgreich unter die Menschen bringen können. Es wäre ein Beitrag für das Miteinander in unseren Ge-meinden und Dörfern.
